INTERNATIONALE RACHMANINOV - GESELLSCHAFT e.V.


         Kritiken

 

28. JANUAR 2013, DARMSTÄDTER ECHO

Unbefangen emotional

Klavierkonzert – Anna Tyshayeva spielt bei der Rachmaninov-Gesellschaft

VON SILVIA ADLER

DARMSTADT. Spätestens seit dem Gewinn des Preises der „Da Ponte“-Stiftung ist Anna Tyshayeva in Darmstadt keine Unbekannte mehr. Jetzt wagte sich die in Odessa geborene Pianistin mit Werken von Rachmaninov, Brahms, César Franck und Bach an ein vielfältiges und anspruchsvolles Programm. Mit kraftvoll zupackendem und zugleich sensiblem Anschlag intonierte sie zu Beginn die „Étude-Tableaux in g-Moll“ von Sergej Rachmaninov. Auf sehr natürliche, eindringliche Weise hob die Pianistin die lang gezogenen Melodielinien markant hervor und bettete sie weich in den lyrischen Fluss der Musik.
Mit der gleichen natürlichen Unbefangenheit näherte Tyshayeva sich auch Francks schicksalsschweren Präludium, Choral und Fuge, das sie mit virtuos drängender Erzählkraft in Szene setzte sowie den als eigenwillig und spröde geltenden Klavierstücken op. 118 von Brahms, von denen sie die ersten beiden Intermezzi und die Ballade spielte. Auch wenn der innige poetische Tonfall und das rhythmische Feuer ihres Spiels überzeugen konnte, fehlte es ihrer spontan und impulsiv wirkenden Interpretation letztlich aber doch an analytischer Tiefenschärfe. Um das Geheimnis der Klavierstücke aus Brahms’ später Schaffensphase zu ergründen, wäre es nötig gewesen, die subtile klangliche Tiefenstruktur der Werke eingehender zu beleuchten, anstatt sich allzu unbefangen vom emotionalen Lauf der Stücke treiben zu lassen.
Auch in Bachs Goldberg-Variationen schien die Pianistin allzu sehr am äußeren emotionalen Gestus der Werke haften zu bleiben, ohne tief genug in die komplexe innere Architektur des Zyklus einzudringen. Stimmig und plausibel klangen vor allem die langsamen, nachdenklichen Sätze, wie die berühmte Aria, die Tyshayeva in zarter, inniger Klangschönheit aufscheinen ließ. Weniger glücklich gelangen dagegen die schnellen Variationen, deren Interpretation oft mehr gehetzt als lebhaft wirkte. Besonders was die Phrasierung anbelangte, griff die Pianistin häufig zu kurz. Ohne Scheu vor höchsten pianistischen Anforderungen kehrte Tyshayeva zum Abschluss des Konzertes noch einmal zurück zur Romantik und servierte als Zugabe Liszts virtuose Transkriptionen von Schumanns „Widmung“ und Schuberts „Ave Maria“.