INTERNATIONALE RACHMANINOV - GESELLSCHAFT e.V.


         Kritiken

 

13. MAI 2013, DARMSTÄDTER ECHO

Hoch sensibel, aber ohne Schwärmerei

Rachmaninov-Gesellschaft – Das Publikum belohnt Amir Tebenikhins Piano-Spiel mit Bravorufen

VON SUSANNE DÖRING

DARMSTADT. Der letzte Ton verklingt, und Amir Tebenikhin steht vom Klavierhocker auf, als sei nichts gewesen. Dabei hat er gerade eine hinreißende Interpretation der „Jahreszeiten“ von Peter Tschaikowski gegeben. Die etwas abrupte Geste passt einerseits zum Stil des Pianisten, und andererseits auch wieder nicht. Im Benefizkonzert der Rachmaninov-Gesellschaft am Samstag in der Darmstädter Orangerie geht der 1977 in Moskau geborene Pianist die zwölf Stücke des Jahreszeiten-Zyklus ganz unsentimental mit zügigen Tempi und fast nüchtern an. Da fehlt jegliche romantische Schwärmerei, fast scheint der Interpret hinter dem Werk, das in seiner ganzen Klarheit erklingt, zu verschwinden.
Was nicht heißt, dass er den Werken kein eigenes Leben einhaucht. Hoch sensibel gestaltet er die Übergänge in die Wiederholung von Themen, gibt den Tönen Raum zur Entfaltung und kostet die weichen Schwingungen der Barkarole voll aus. So zurückhaltend er in die Klänge der lyrischen Stücke geht, so machtvoll und repräsentativ spielt er das Jagdlied des Septembers oder das Lied des Mähers im Juli. Auch der Witz kommt nicht zu kurz: Den August lässt er fast swingen. Dabei hat man nie den Eindruck, dass Tebenikhin zu verspielt agiert, denn die Interpretation ist von Ernst geprägt.
Als nicht ganz gelungen erweist sich dagegen die Auswahl aus den Préludes Op. 23 von Rachmaninov. Hier präsentiert Tebenikhin vorwiegend langsame Stücke, die trotz einer hervorragenden Gestaltung ein wenig vor sich hinplätschern. Auch hier der gleiche nüchterne, durch Transparenz gekennzeichnete Angang. Fast wie Bachsche Präludien klingt Tebenikhins Anschlag. Er hat Gespür für die große Geste bei Rachmaninov, verliert sich aber nie in Schwelgerei.
Dieser Ansatz kommt auch der Sonate Nr. 2 Op. 36 von Rachmaninov zugute, die an orchestralem Klang nicht spart und an den Pianisten große technische Herausforderungen stellt. Tebenikhin spielt hier den großen Flügel der Orangerie voll aus, ohne in einen Klangrausch zu verfallen. Wunderbar locker meistert er die Wechsel zwischen schwerer Akkordik und perlenden Läufen. Bravos und ein stehend applaudierendes Publikum bewegen den Pianisten zu Prokofjews „Toccata“als Zugabe, in der er abermals ganz locker die dräuende Motorik hervorzaubert.
Zu Beginn des Konzerts, dessen Ertrag den 3. Internationalen Rachmaninow-Klavierwettbewerb in diesem Jahr fördern soll, bekamen die Zuhörer zwei Ergebnisse von Preisträgern des Kompositionswettbewerbs der Rachmaninov-Gesellschaft aus dem vergangenen Jahr zu hören.
Lidia Kalendareva, die den ersten Preis in der vom Schwierigkeitsgrad leichtesten Kategorie A gewonnen hatte, spielte im Konzert selbst ihre „Elegie Nastalgia“, die sich von schlichter Einstimmigkeit zu wuchtiger Akkordik entwickelt. Dagegen wurde Bernd Riebutschs „Prélude“ (erster Preis in der schwierigsten Kategorie) von Nadeshda Zinger interpretiert. Sie entwickelte das einem klassischen Schema von schnell – langsam – schnell folgende Stück mit weichen Wellenbewegungen und großer Sicherheit über die ganze Breite der Tastatur. Beide Stücke ließen klar das Vorbild Rachmaninov erkennen, wie es in der Wettbewerbs-Ausschreibung gefordert worden war.