INTERNATIONALE RACHMANINOV - GESELLSCHAFT e.V.


         Kritiken

 

Benefiz-Galakonzert der Rachmaninov-Gesellschaft in der Darmstädter Orangerie mit Amir Tebenikhin zugunsten des Klavier- und Kompositionswettbewerbs

 

Ein Rausch für Spieler und Zuhörer

VON HEINZ ZIETSCH


Amir Tebenikhin

DARMSTADT. Selten hat es wohl derartiges gegeben. Da setzt der sechsunddreißigjährige Pianist Amir Tebenikhin in seinem Galakonzert mit Rachmaninovs 2. Klaviersonate b-Moll op. 36 (komponiert 1913) einen in jeder Hinsicht markanten Schlusspunkt. Denn das monumental klingende Werk stellt mit seiner vertrackten Rhythmik, seiner hochvirtuosen, kniffligen Griff- und Anschlagstechnik ein kompositorisch anspruchsvolles Stück dar, das mit seiner Ausdruckskraft, seiner fiebrigen wie fantasmaorischen Vehemenz Rachmaninovs Zeitgenossen und einstigen Mitstudenten und -konkurrenten Alexander Scriabin wohl am nächsten steht. Vielleicht ist diese so eigenwillige und radikale Klavierkomposition, die für jeden Pianisten eine Parforcetour bedeutet, das wohl beste und fulminanteste Opus Rachmaninovs überhaupt.
Eine Meisterleistung des Komponisten wie auch des ausführenden Pianisten, der dieses grandiose Werk scheinbar mühelos bewältigt. Und zwar derart mühelos und kunstfertig, dass die nur wenigen Zuhörer in der allenfalls zu Hälfte besetzten Darmstädter Orangerie sich spontan von ihren Plätzen erhoben, um dieser außerordentlichen Interpretenleistung stehend Hochachtung zu zollen. Nicht wenige Zuhörer strahlten vor Begeisterung und blinselten einander überglücklich zu. Der Künstler nahm den langen wie heftigen Beifall mit sympathischer Gelassenheit entgegen und legte noch eine Zugabe nach: Prokoffiefs hämmernde Toccata, die Scriabins deliriumhaften Klavierstil in knallharte maschinelle Präzision verwandelt und eben auch versachlicht. Gegenüber Rachmaninovs geballter klanglicher Rauschhaftigkeit wirken Prokoffiefs pianistische Avancen und Attacken eher wie ein Spaziergang oder neusachliche Spielerei.
Tebenikhin setzte mit seinem Konzert zu Gunsten des III. Internationalen Rachmaninov-Klavierwettbewerbs 2013 (2. Bis 7. April) und des zum ersten Mal ausgerichteten Internationalen Rachmaninov-Kompositionswettbewerbs (2012/2013) wahrlich einen fantastischen Glanzpunkt, der sich in den glänzenden Augen der Zuhörer spiegelte. Zu Recht, wie man hört, hat er wohl vor zwei Jahren den 1. Deutschen Pianistenpreis erhalten. Sein Name müsste zukunftsträchtig sein, denn sein Spiel bündelt sämtliche Fertigkeiten, die von einem überragenden Künstler verlangt werden.
In Deutschland ist Rachmaninov ungebührlicherweise längst nicht so populär wie etwa der seines komponierenden Pianistenkollegen Chopin. Deshalb hat es sich die Darmstädter Rachmaninov-Gesellschaft zur Aufgabe gemacht, diesem Komponisten zu mehr Beachtung zu verhelfen. Er hat es verdient, wie seine zweite Klaviersonate zeigt. Aus diesem Grund richtet die rege Gesellschaft in diesem Jahr auch ein Internationales Rachmaninov-Festival aus, das unter der Schirmherrschaft des Darmstädter Oberbürgermeisters Jochen Partsch steht, wozu auch Veranstaltungen in Frankfurt, Bonn und Berlin gehören. Schließlich haben wir in diesem Jahr (2013) ein doppeltes Rachmaninov-Jubiläum: am 02. April wurde er vor 140 Jahren geboren, am 28. März ist er vor 70 Jahren gestorben.

Komponistin Lidia Kalendareva (links), Pianistin Nadeshda Zinger (rechts)

Mit dem Benefizgalakonzert am Samstag (11. Mai) wurde auch der I. Internationale Rachmaninov-Kompositionswettbewerb (2012/2013) abgeschlossen, wobei zwei preisgekrönte Stücke vorgestellt wurden, und auch die Preise an denjenigen Komponisten übergeben wurden, die eine nicht allzu weite Anreise auf sich zu nehmen brauchten. Darunter Lidia Kalendareva, die für ihre Klavierkompositionen (für die drei Altersstufen A, B und C) mit Preisen bedacht wurde, und Bernd Riebutsch, der den Hauptpreis für sein „Prelude“ (Alterstufen-Kategorie C) errang, das Nadashda Zinger, Gewinnerin des ersten Preises beim diesjährigen Rachmaninov-Klavierwettbwerb, trotz der kurzen Einstudiermöglichkeit, mit viel Einfühlungsvermögen vortrug. Die Werke der Gewinner dienen zugleich als Pflichtstücke beim nächsten, dem IV. Internationalen Rachmaninov-Klavierwettbewerb. Es sind zum Vorspiel gedachte Gebrauchsstücke, die den Stil Rachmaninovs kopieren oder imitieren.


Nikolaj Eurich(Vorsitzender des Organisationskomitees), Prof. Alexander Benditskiy (II. Preis), Lidia Kalendareva
(3. Preise), Martin Munch (II. Preis), Bernd Riebutsch (I. Preis) und Iris Bachmann (Stadträtin)

Überreicht wurden die Preise, nach Grußworten von Nikolaj Eurich, dem Geschäftsführer der Rachmaninov-Gesellschaft, von der Darmstädter Stadtverordneten Iris Bachmann in Vertretung des Oberbürgermeisters, von Ruslan Karsanov, dem Generalkonsul der Russischen Förderation in Frankfurt am Main, und Grigory Gruzman, dem Präsidenten der Rachmaninov-Gesellschaft, an einen Teil der preisgekrönten Komponisten vor dem Konzert in einer entspannten, fröhlichen und kollegialen Atmosphäre. Das Alter war gut gemischt, bis hin zum Nestor, dem 1932 in Moskau geborenen Komponisten und Pianisten Prof. Alexander Benditskiy. Nesthäkchen unter den anwesenden Preisträgern war die 1982 in St. Petersburg geborene Lidia Kalendareva, die munter beflügelt auf die Bühne kam und ihrer Begeisterung gleich freien Lauf ließ, indem sie bekundete, noch mehr Klavierstücke im Stile Rachmaninovs für die künftigen Wettbewerbe zu schreiben. Sie spielte ihr schwärmerisches Stück als ausgebildete Pianistin mit viel Effet selbst. Schließlich gehört Rachmaninov zu ihren Lieblingskomponisten. Auch ihre Diplomarbeit beschäftigt sich mit diesem wichtigen Künstler der Jahrhundertwende: „Polyphonie und Kontrapunkt in der Musik von Sergei Rachmaninov“. Am Ende des Abends gab es als Dank für die Mitwirkung und Mitarbeit Blumen für den Solopianisten und für die Komponisten, die am Ende des Konzertabends nochmals charmant lachend auf die Bühne kamen, um die Blumen freudestrahlend entgegenzunehmen.

Darmstadt, 13. Mai 2013. Foto Dietmar Elsner