INTERNATIONALE RACHMANINOV - GESELLSCHAFT e.V.


         Kritiken

 

2. April 2012, Darmstädter Echo

Ein Kahn voller Musik

Benefizkonzert mit der Sängerin Svetlana Kushnerova und dem Pianisten Alexander Kleonov

VON HEINZ ZIETSCH

Eigentlich hätte das Benefizkonzert zugunsten des Rachmaninov-Klavierwettbewerbs im nächsten Jahr mehr Zuhörer verdient, nicht nur wegen des Wettbewerbs selbst, der auf junge, begabte Talente aufmerksam machen und diese fördern möchte, sondern vor allem auch wegen der beiden herausragenden Künstler, der Mezzosopranistin Svetlana Kushnerova und dem Pianisten Alexander Kleonov. Ein Liederabend ist halt nicht so populär wie ein reines Klavierprogramm, obwohl die beiden Musiker eine geschickte Mischung aus beiden Genres boten.
Opern- und Operettennummern, wie ursprünglich vorgesehen, wären in dem kleinen, etwas muffigen Raum im Darmstädter Literaturhaus (Kennedyhaus) allerdings auch etwas fehl am Platze gewesen, obgleich Kushnerova an der Frankfurter Musikhochschule zur Opernsängerin ausgebildet wurde. Zwar mit kräftigem, vor allem in der Tiefe ausgeprägtem Stimmvolumen ausgestattet, singt die Mezzosopranistin sehr natürlich und befleißigt sich in den deutschen Liedkompositionen von Schubert, Jensen, Mendelssohn, Schumann und Grieg einer deutlicheren Textaussprache als manche einheimischen Sänger. Das fängt mit Schuberts „Ständchen“ an und gipfelt dann in den geradezu lautmalerischen, bereits impressionistisch wirkenden Gesängen der Vertonungen Edvard Griegs, vom sanft wiegenden „Im Kahne“ bis hin zu „Solveigs Lied“, womit sich der Kreis des vordergründig bis hintersinnig Naiven schließt. Svetlana Kushnerovas ausgeglichene Gesangsweise ist prononciert, homogen, doch niemals forciert, so dass stets die Kantilene betont und volltönend abgerundet wird, vergleichbar mit einem Maler, der griffig mit kräftigen Farben umzugehen versteht. Auf ein weiteres Konzert, das die Darmstädter Rachmaninov-Gesellschaft mit der Sängerin in einem vielleicht ansprechenderen Saal plant, darf man gespannt sein.
Im zweiten Teil präsentiert die aus Sibirien stammende Künstlerin Lieder russischer Komponisten, die hierzulande eher selten zu hören sind. Hier geht sie schließlich emotional stärker aus sich heraus und verwandelt die Stücke von Tschaikowsky, Glinka und Rimsky-Korsakov in veritable Opernszenen, die sie gestenreich und mimisch unterstreicht. Dann ergibt sich ihre Zugabe nach dem begeisterten Schlussbeifall fast von selbst, wenn sie die Habanera aus Bizets „Carmen“ mit wohlgesetzter Stimme und betörender Tiefe zum Besten gibt. Kurz zuvor hat sie sich noch, passend zur Jahreszeit, in Rachmaninovs „Frühlingsgewässer“ begeben. Jetzt ist ihr Kahn mit Liedern an seinem Ziel angekommen.
Tatkräftig unterstützt wurde sie dabei von ihrem Fährmann am Klavier: Alexander Kleonov. Ein sicherer, wendiger wie feinsinnig-behutsamer Begleiter. Der die Korsakov-Lieder so gestaltete, als hätte der gewiefte Instrumentator auch hierbei an ein Orchester gedacht, denn stets schimmern die vielsagenden Erzählungen der „Scheherezade“ hindurch. Solveigs Lied ließ Kleonov mit einem effektvollen Nachhall verklingen. Zwischen die Liedkomplexe und zur Erholung der Sängerin spielte der Pianist außerdem ausgewählte Klavierstücke, die indes nicht immer ganz homogen klangen im Vergleich zu seinem wohldosierten Akkompagnement, was wohl auch am wenig anheimelnden Raum gelegen haben mochte, wenn das Schubert-Impromptu Es-Dur mir etwas zu unruhig und gehetzt vorkam, verbunden mit leichten Unebenheiten. Packend dagegen die gleichsam am Klavier entflammten Scriabin-Etüden (Op. 2, Nr. 1, und Op. 8, Nr. 12), dann die balladenhafte Romanze Op. 5 von Tschaikowsky, um mit Rachmaninows „Moment Musical“ Op. 16, Nr. 3, und Nr. 4 pianistisch-kompositorische Gipfel zu erstürmen, die hier der Tonsetzer aufgetürmt hat in Form von schwerer, schwülstiger spätromantischer Harmonik, die bis zum Bersten gespannt ist. Das Publikum hörte wie gebannt staunend zu.