INTERNATIONALE RACHMANINOV - GESELLSCHAFT e.V.


         Kritiken

 

22. März 2010, Darmstädter Echo

Flattern der Flegeljahre

Klavierabend: Wolfgang Manz auf Einladung der Rachmaninov-Gesellschaft in der Orangerie

VON ALBRECHT SCHMIDT

Beim zweiten internationalen Rachmaninov-Klavierwettbewerb für junge Pianisten (in Frankfurt vom 6. bis 11. April), für den sich 65 Nachwuchs-Tastenkünstler aus 20 Ländern angemeldet haben, wird Professor Wolfgang Manz in der Jury sitzen. Sein Klavier-Recital am Samstag in der Darmstädter Orangerie, als Benefizkonzert für den Wettbewerb gedacht, wird sich wohl eher als Verlust-Veranstaltung erweisen, denn aus unerklärlichen Gründen waren noch nicht einmal einhundert Besucher gekommen, obwohl sich mit Werken von Robert Schumann - anlässlich der Wiederkehr seines 200. Geburtstages - die Rachmaninov-Gesellschaft als Veranstalter um ein äußerst attraktives Programm bemüht hatte.

Wolfgang Manz ist ein ausgezeichneter Pianist, der weiß, was Schumanns Klaviermusik vor allem ausmacht: die Schärfe der Charakterzeichnung und die Prägnanz der gegensätzlichen Stimmungen, die der Komponist mit ,,Florestan" und ,,Eusebius" symbolisch personalisierte. Im ,,Carnaval" op. 9 stehen in zwanzig Nummern einerseits hinreißend impulsive, mit jugendlichem Elan daherstürmende Episoden (,,Florestan", ,,Paganini", ,,Pause", ,,Marsch der Davidsbündler") und andererseits lyrische Partien mit schwärmerisch-versonnenem Grundton (,,Pierrot", ,,Eusebius", ,,Chopin", ,,Promenade") nebeneinander. Zusammengehalten werden die ,,Scènes mignonnes sur quatre notes" durch musikalische Noten-Spielereien mit den vier Buchstaben A-Es-C-H, die sich auf den Geburtsort Asch von Schumanns Jugendliebe Ernestine von Fricken beziehen.

Virtuos in den raschen Sätzen, dazu im Gegensatz mit nachdenklichem Verweilen und poetischer Dichte in den stillen Abschnitten, spielt Wolfgang Manz den ,,Carnaval" ebenso brillant und fesselnd wie die g-Moll-Sonate op. 22, bei der der Pianist den fulminanten Ecksätzen Kernigkeit, profilgebende Kraft und eine geradezu dämonische Intensität abgewinnen konnte.

Neben diesen beiden pianistischen Kolossen wirkten die zuvor gespielten Schumann-Werke wie leichtgewichtige Einspielstücke: Die ,,Papillons" op. 2, Jeans Pauls Roman ,,Flegeljahre" nachempfunden, flatterten im schnellen Flug vorüber und boten Wolfgang Manz trotz des Fantastisch-Flüchtigen ihrer Erscheinung gleichwohl Gelegenheit, manches subtile Detail auszukosten. Vier Fantasiestücke aus Opus 12 blieben dagegen blass und allzu sachlich. Immerhin listete das karge Programmblatt hier die programmatischen Satztitel auf, während sie beim ,,Carnaval" fehlten und damit den Besuchern wesentliche Hör- und Verständnishilfen versagt blieben.

Als kleine Frühlingsgruß-Zugabe schickte Wolfgang Manz dem dankbar applaudierenden Publikum Schumanns kurios-ironischen ,,Vogel als Prophet" aus den ,,Waldszenen" op. 82 hinterher.